Blaumännle

Die Sage vom Blaumännle von der Neuffener Steige


Güldener Neuffen IMG 7441 MediumAuf Neuffens Markung befinden sich zwar nur noch wenige Getreidefelder, aber das reife Getreide will dennoch geerntet werden. War dies einst mühevolle, schweißtreibende Handarbeit, so erledigt dies heute der Mähdrescher im 10. Teil der Zeit. Zudem ist unser Ort von Streuobstwiesen umgeben – noch. Doch das Pflücken oder Auflesen der süßen Früchte ist eine Arbeit, die kaum noch jemand verrichten will und die auch noch schlecht entlohnt wird. Wenn man sich dies überlegt, kommt einem immer im August, wenn die Zeit der Ernte näher rückt, unwillkürlich eine Geschichte aus uralten Zeiten in den Sinn: die Sage vom Blaumännle. Deshalb sei sie hier erzählt.

Geht man vom Parkplatz am Hohenneuffen am Spielplatz Molach vorbei, so kommt man zu dem Teil der „Neuffener Schweiz“, wo die Felsen des Albrandes immer weiter in Richtung Tal abrutschen und so tiefe Spalten, Klüfte und Höhlen gebildet haben. In diesen Felsklüften wohnten einst Zwerge, kleine Geistlein – als Erdwichtel oder Erdgeister auch in anderen Gegenden genannt. In Neuffen waren sie recht gut bekannt und auch sehr willkommen. Denn während des Sommers bis in den Herbst hinein gingen sie oft zu den Bauern auf die Felder und halfen ihnen bei ihrem harten Tagwerk. Aber sie waren ziemlich scheu, redeten kaum und arbeiteten am liebsten nachts. Es durfte zum Beispiel nur jemand anfangen, zur Erntezeit ein Kornfeld zu mähen, so war’s am andern Morgen zu Ende geschnitten.
Eines der Geistlein trug ein blaues Wams. Deswegen hießen es die Leute das „Blaumännle“ oder „Blaumoale“. Das war besonders den Fuhrleuten wohl bekannt. Wenn sie des Abends die steile Steige auf die Alb hinauffuhren und die Pferde oder Ochsen vor Müdigkeit und Hunger die schwerbeladenen Wagen fast nicht mehr zu ziehen vermochten, dann war das Blaumännle zur Stelle. Es sprach Mensch und Tier Mut zu, gab den Pferden aus seiner blauen Glockenblume zu trinken und schob und zog und half so dem Gespann den Berg hinauf. Dafür verlangte es – wie auch die anderen Zwerglein für die Feldarbeit – keinen Lohn, sondern gab sich mit dem Dank der Menschen zufrieden.
Aber nur die ordentlichen, freundlichen und tierlieben Fuhrleute durften mit seiner Hilfe rechnen. Fing einer an zu schreien, zu fluchen oder gar mit seiner Peitsche auf die Tiere einzuschlagen, so konnte er am besten gleich wieder umkehren und zurück nach Neuffen fahren. Denn flugs setzte sich das Blaumännle hinten auf den Karren, und niemand vermochte ihn fortan von der Stelle zu bewegen.
Heute sind diese hilfreichen Wichtel verschwunden. Warum, weiß niemand. Vielleicht waren die Menschen, denen sie halfen, zu undankbar, vielleicht wurden sie auch zu böse, vielleicht brauchten man die kleinen Helfer bei all der Motorisierung und Technisierung gar nicht mehr – man weiß es nicht. – Aber womöglich sind sie ja immer noch da! Wenn man abends leise und vorsichtig bei der Molach am Albtrauf entlang geht, kann man sie vielleicht noch sehen, wie sie sich auf den Felsen in der güldenen Abendsonne wärmen. . . .